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EDITORIAL „Gendern ist verlogen und verhunzt die Sprache“ mit dieser Aussage über- schreibt der Kölner Stadtanzeiger in der ersten Juniwoche ein Interview mit der Journalistin und Schriftstellerin Elke Heidenreich, das anlässlich der digitalen lit.Cologne geführt wurde. Darin heißt es weiter: „Wenn ich Künstler sage, meine ich alle Menschen, die Künstler sind, auch die Frauen.“ Was für eine Aus- sage, wo doch jeder identitätspolitisch geschulte Mitbürger mittlerweile wissen sollte, dass Sprache, so wie wir sie ver- wenden, auch unser Denken beeinflusst. Wie wohltuend und beruhigend ist es da doch für einen Verbandsgeschäftsführer, dass es im Deutschen die Form des ge- schlechtslosen Neutrums gibt. So ist das Wort Mitglied nämlich keine typische Personenbezeichnung auf -er, an die ein -in für die feminine Form angehängt werden könnte, vielmehr bezeichnet es als Neutrum sowohl Frauen als auch Männer. „Liebes Mitglied“ reicht daher nicht nur völlig aus, sondern ist die einzig korrekte Form der Anrede, die nur den Personenkreis ausgrenzt, der kein Mit- glied im DHBV ist. Damit ist allerdings nicht die Frage bzgl. der Handhabung einer gendergerechten Sprache in S&E gelöst. Solange noch gesetzlich erlaubt, wird S&E auch in Zukunft seiner liberalen Linie treu bleiben und weder jenen, die es mit Elke Heidenreich halten, noch jenen, die in der Sprache ein Schlachtfeld für Gleichberechtigung und gegen Aus- grenzung sehen, eine „Gender Etikette“ vorschreiben. Wir bleiben also sprachlich bunt. Herzlichst Ihr Friedrich Remes I GLOSSE I Sehr geehrte Mitgliederinnen und Mitglieder, geschätzte Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde, oder in moderner Kurzform: Sehr geehrte, geschätzte und geliebte Mitglieder:innen, Kolleg:innen und Freund:innen! W o in früheren Zeiten ein bur- schikoses „Tach zusammen“ als Ansprache gereicht hätte, muss ich heute einen Großteil meines vom Ge- schäftsführer ohnehin eingedampften Buchstabenbudgets dafür verschwen- den, um Sie alle auch wirklich politisch korrekt anzusprechen. Was, das darf ich vorausschicken (aus meiner Sicht!), nahezu unmöglich ist. Überlegungen, wann nachvollziehba- re geschlechtergerechte Sprache anfängt und wo sie im Gender-Wahn endet, werfen viele Fragen auf. Ist die Beschilderung am Zaun eines Bolzplatzes im Raum Hannover als „Spielplatz für Kinder und Kinderinnen“ ein subtiler Scherz des zuständigen Bau- hofs oder „Über“erfüllung politischer Vorgaben? Warum wurde in den vergangenen Jahren in verschiedenen Regionen viel Geld ausgegeben, um Fassadenbeschrif- tungen, Hinweisschilder, Briefköpfe und Visitenkarten auf den Begriff „Studie- rendenwerk“ umzustellen, wenn sowohl der Mutterverband bis heute „Deutsches Studentenwerk“ heißt und 44% der insgesamt 57 Mitgliedsbetriebe sich nach wie vor „Studentenwerk“ nennen. Gibt es an diesen Standorten nur männliche Studenten? Wird dort die Revolution ge- probt oder ist man gar vernunftbegabt? In diesem Zusammenhang: Wann benennt Ültje und Konsorten endlich ihr beliebtes Knabberzeug gendergerecht in „Student:innenfutter“ um? Wird mit der Titulierung „Umwelt- sau“ nicht das männliche Geschlecht zurückgesetzt, das, so ist mir zugetra- gen worden, auch hin und wieder die Umverpackung ihres großen Big Mac Menüs neben den dafür vorgesehenen Müllgefäßen entsorgt? Hat der „Um- welteber“ nicht das Recht, als Wort des Jahres nominiert zu werden und wäre dies nicht ein weiterer Schritt zu mehr Gendergerechtigkeit? Wenn nach einem Unfall die Ord- nungskraft nach „Zeug:innen“ sucht, heißt das für den männlichen Beobach- ter, dass er eigentlich nur „Zeug“ ist? Wenn in Talkshows eingetragene Vereinsnamen zu „Bund der Steuerzah­ ler:innen“ vergendert werden, müssten dann nicht auch bestimmte Säuberungs- maßnahmen im Familien-Golf korrekt als „Fahrzeug:innen-Reinigung“ bezeich- net werden? Ist es zukünftig noch denkbar, jemanden respektvoll als „Intel- ligenzbestie“ oder „Stradivari unter den Gesäßviolinen“ zu bezeichnen, ohne Rücksicht auf dessen Geschlecht nehmen zu müssen? Wenn nein, gibt es das Wort „Arschgeiger“ überhaupt? Ist es tatsächlich für das Kindeswohl zuträglich, wenn der „Säugling“ in Zukunft als „die:der Gesäugte“ zu benennen ist? Abschließend noch ein Vorschlag aus der „ Handreichung Gendergerechter Sprache “ der Ludwig-Maximilians- Universität München. Um alle Geschlechter, Frauen, Männer sowie nichtbinäre Menschen mit den von ihnen gewünschten Pronomen anspre- chen zu können, regen die Autoren an, die Anrede in Briefen und Mails so lange genderneutral zu formulieren, bis die Geschlechtsidentität der Adressat:innen eindeutig bekannt ist. Also bitte nicht wundern, wenn ich Sie so lange mit „Sehr geehrte*r Cordula Bohne“ bzw. „Verehrte*r Friedhelm Remus“ anschreiben werde, bis Sie mich diesbezüglich in Kenntnis gesetzt haben. Dies kann einfach durch Vorlage einer beglaubigten Geburtsurkunde in Verbindung mit einem ärztlichen Attest (nicht älter als 3 Monate) erfolgen. Bitte verzichten Sie auf die Zusendung von vermeintlich eindeutigen Farbfotografien oder rosa bzw. blauen Babystramplern. Dies ist nicht ausreichend! In diesem Sinne: …es lebe der alltägliche Wahnsinn… Ihr/Ihre Ralf Hunstock

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